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Die meisten von uns sind „interkulturell“. Es gibt also hierzulande meistens keine z. B. rein „türkisch“ oder „rumänisch“ sozialisierten Schüler:innen, sondern Schüler:innen, die den Verhaltenskodex mehrerer Gesellschaften kennen.
Gerade wenn Schüler:innen noch nicht so gut Deutsch sprechen, ist es besonders wichtig, klar auszudrücken, was man erwartet. Im interkulturellen Bereich nützt es nichts, zu denken: „das ist ja selbstverständlich!“. Selbstverständlichkeiten können sehr unterschiedlich sein. Auch kann man nicht erwarten, dass Schüler:nnen oder Eltern die eigenen Gedanken lesen können. Achte auch einmal darauf, ob du mit deiner Körpersprache und deinen Worten das Gleiche ausdrückst. Der Körper schreit üblicherweise lauter als die Stimme.
Der Pygmalion-Effekt besagt, dass unsere Erwartungen an jemanden die Leistungsfähigkeit dieser Person stark beeinflussen. Wenn man als Lehrperson unvoreingenommen auf Schüler:innen zugeht und von ihnen immer das Beste erwartet, werden sie diese Erwartungen auch eher erfüllen. So könnte es schon einen Effekt haben, das Wording in manchen Bereichen zu verändern: z. B. statt der Bezeichnung „DAZ-Schüler:in“ einfach „Schüler:in, der/die mehrere Sprachen spricht“ zu verwenden, um den Fokus auf die Potentiale zu legen. Darüber hinaus ist es auch wichtig, zu beobachten, ob man von mehrsprachigen Schüler:innen routinemäßig weniger erwartet.
Es ist wichtig, „Othering“ zu vermeiden, um nicht auszugrenzen. Othering bedeutet, zwischen „wir“ und „ihr“ zu unterscheiden. Das passiert meist unbewusst und häufig in Situationen, in denen man es eigentlich gut meint. Wenn man also sagt: „Bring zum Fest etwas Afghanisches mit!“ ist das ja meist wertschätzend gemeint, beschränkt jedoch die Schüler:innen auf ihre Rolle als „Vertreter:in seiner Kultur‘“. Ähnlich verhält es sich, wenn man Schüler:innen bittet, etwas in „ihrer Sprache“ zu sagen. Beispiele für eine wertschätzende Formulierung: „Bring etwas mit, das du besonders gerne isst!“ „Kannst du das in einer weiteren Sprache ausdrücken?“ Auch die Aussage „bei uns …“ im Kontrast zum Gedachten „bei euch …“ kann Schüler:innen das Gefühl von Zugehörigkeit entziehen. Kinder türkischer Eltern, die hierzulande aufwachsen, werden beispielsweise in der Türkei oft als „Deutschländer“ bezeichnet und somit weder hier noch dort als wirklich zugehörig betrachtet. Wie sich das anfühlt, wird z. B. im Buch „Das kleine Ich-bin-ich“ von Mira Lobe wunderbar beschrieben.
Schulen orientieren sich an den Wert- und Leistungsmaßstäben der privilegierten Klassen und vermitteln deren kulturelles Kapital wie Sprechweisen, Umgangsformen und Lebensstile. Mehrsprachige Kenntnisse werden seitens der Schule oft eher als Hindernis, denn als Fähigkeit oder weitere Kompetenz bewertet. Die schulischen Anforderungen orientieren sich rein an muttersprachlichen deutschen Sprachkenntnissen. Kinder mit Migrationshintergrund, die den Lernstoff aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht hinreichend verarbeiten, hinken daher auch bei Sachverhalt und Inhalt hinterher.
Als Lehrperson sollte man vermeiden, Schüler:innen und Eltern deren Kultur oder Religion zu erklären. Formulierungen wie „in Österreich sind Mann und Frau gleichberechtigt, aber in der islamischen Kultur…“ sind nicht sehr hilfreich. Wichtig ist, sich eingehend, differenziert und in allen Facetten mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist es aber auch unmöglich, jedes Fettnäpfchen zu vermeiden, weil man ja nicht weiß, was man nicht weiß. Hier gilt, nachsichtig mit sich selbst zu sein und es besser zu machen, sobald man dazu gelernt hat.
Schüler:innen sind nicht die Vertreter einer Kultur, für sie gibt es in dem Sinne keine „Kultur“. Sie kennen einfach verschiedene Lebenswelten. Die Regeln und Prioritäten in der Schule sind möglicherweise anders als zu Hause, bei Freund:innen, bei Großeltern oder in dem Land, in dem sie die Sommerferien verbringen. Schüler:innen sind jedoch Expert:innen für sich selbst. Es ist wichtig, dass jede/r in ihrer/seiner Einzigartigkeit und Lebenswelterfahrungen geachtet und wertgeschätzt und nicht auf seine Kultur reduziert wird.
Themen die Schüler:innen mit internationaler Geschichte häufig besonders beschäftigen sind:
Identität
Leben in verschiedenen Gesellschaften
Zugehörigkeit
Drittkultur
Zukunftsperspektiven
Lebenswelten
Sexualität/Geburt
Da es für die Auseinandersetzung mit diesen Themen und deren Reflexion kaum einen Rahmen gibt, wäre es wichtig, sich in der Schule dafür Zeit zu nehmen. Einige Schüler:innen bzw. deren Familien haben in Krisen- und Kriegsgebieten und auf der Flucht Herausforderndes erlebt. Ein traumasensibler Unterricht ist daher von großer Bedeutung.
Stand: Juli 2024
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