Mein Kind hat psychische Probleme

Inhalt

Wie begleite ich meine Tochter/meinen Sohn durch psychische Krisen?

Jugendliche lösen sich in der Pubertät zunehmend von den Eltern ab, gleichzeitig bleiben die Eltern eine wichtige Stütze. Was ändert sich daran, wenn Ihr Kind in eine psychische Krise gerät? Und wie können Sie und Ihr/-e Partner/-in das Kind in Krise begleiten?

Elternsein mit Jugendlichen in der Pubertät kann eine anspruchsvolle Aufgabe sein: Einerseits grenzen sich die Jugendlichen von ihren Eltern ab, möchten sich selbstständig fühlen und sich nach außen orientieren. Anderseits sind Jugendliche manchmal doch überfordert, fühlen sich unsicher und suchen bei ihren Eltern Orientierung und Halt... auch wenn sie dies nicht zugeben.

Und was ist Ihre Rolle als Mutter oder als Vater dabei?

Einerseits sollten Sie Ihr Kind «loslassen», es ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, ihm zunehmend mehr Freiheiten gewähren.

Andererseits sollten Sie für Ihren Jugendlichen da sein. Wenn er oder sie Schwierigkeiten hat, ein offenes Ohr haben, Verständnis entgegenbringen und Halt geben. Wird zum Beispiel über Medien- oder Ausgehzeiten verhandelt, gilt es - wenn notwendig - Grenzen zu setzen und eine klare Haltung zu haben.

Vielleicht kommen Sie aus einer Region, wo man gelernt hat, dass die Eltern befehlen und die Jugendlichen gehorchen müssen. Jede Kultur hat eigene Vorstellungen, wie man Kinder erzieht. Andererseits spielen auch die Erwartungen und Anforderungen der Kultur, wo man gerade lebt, eine ganz wichtige Rolle. Mit dem eigenen Erziehungsstil kann man das Leben des eigenen Kindes in Zukunft erleichtern oder erschweren.

Wenn z.B. ein Mädchen zu Hause keine Möglichkeit hat, sich als selbstständiges Individuum zu entwickeln und sein Potential zu zeigen, wird es Schwierigkeiten haben, eine gute Stelle zu finden, wo selbstständige und kreative Arbeit verlangt wird.

Wenn Sie strenge Grenzen setzen, lernt Ihr Kind nicht, selbstständig zu sein. Wenn Ihr Kind machen kann, was es will, lernt es nicht, Grenzen zu respektieren. Deswegen empfehlen wir eine Erziehung, die «Freiheit in Grenzen» ermöglicht.

Diese Aufgabe ist in der Tat anspruchsvoll und herausfordernd, sowohl für Eltern, die aus dieser wie auch für jene, die aus einer anderen Kultur kommen. Und was, wenn Ihr Kind noch dazu in eine psychische Krise gerät?

Freiheiten gewähren, Verständnis haben und Orientierung geben

In der Krise gerät das Gleichgewicht schnell aus den Fugen. Die einen Eltern reagieren mit zu grosser Strenge, möchten «ein Zeichen» setzen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Andere neigen dazu, ihren Nachwuchs zu schonen und nehmen ihm das Erledigen der eigenen Aufgaben ab. Wieder andere Eltern ziehen sich zurück und lassen den Teenager mit seinen Problemen alleine. Weiter gibt es Eltern, die ihr Erziehungsstil immer wieder ändern. 

Zu welcher Reaktion neigen Sie? Zu mitfühlend? Zu streng? Zu gleichgültig? Zu besorgt? Oder gerade richtig? Tauschen Sie sich mit Ihrem Mann oder mit Ihrer Frau, mit Freunden oder mit Verwandten aus! Oft hilft eine Aussensicht, das eigene Handeln richtig einzuordnen. Nehmen Sie solche Blicke von aussen dankbar an. Vielleicht kommen Sie so zur Schlussfolgerung, dass Sie an Ihrem Verhalten etwas ändern sollten.

Denn grundsätzlich gilt es: «Freiheiten gewähren, Verständnis haben und Orientierung durch eine klare Haltung geben»: Mit oder ohne Krise Ihres Jugendlichen ändert sich nichts an diesem bewährten Erziehungsstil.

Das Gespräch in der Krise:
Aufbauend und zuversichtlich

Vermeiden Sie Vorwürfe, Schuldzuweisungen und Belehrungen, wenn Ihr Sohn / Ihre Tochter in einer psychischen Krise steckt.

Suchen Sie das verständnisvolle Gespräch mit Ihrem Jugendlichen. Versuchen Sie zu verstehen, was in ihm oder in ihr derzeit vorgeht. Wichtig dabei: Drängen Sie Ihre Tochter/ ihren Sohn nicht zum Gespräch. Warten Sie einen günstigen Zeitpunkt ab, wenn er/ sie bereit ist, über seine oder ihre Probleme zu sprechen.

Geben Sie im Gespräch Hoffnung, zeigen Sie sich zuversichtlich, dass Lösungen oder eine Verbesserung der Situation möglich sind. Blicken Sie nach vorne und fragen Sie ihn/sie: «Was können wir tun, damit es Dir wieder besser geht?».

Normaler Alltag weiterführen

Es ist wichtig, dass der Alltag möglichst normal verläuft. Ihre Tochter/Ihr Sohn sollte, wenn immer möglich, die Schule oder Ausbildung, aber auch Hobbies und Freizeitaktivitäten weiterführen. Schonung, z. B. durch eine Krankschreibung, kann gewisse Symptome sogar verstärken.

Auf die Geschwister achten

Falls Sie mehrere Kinder haben, achten Sie zudem darauf, dass Sie als Mutter oder als Vater die Geschwister nicht vernachlässigen! Diese benötigen ebenso Ihre Zuwendung, die zu kurz kommen könnte, wenn nur noch Ihr Sohn oder Ihre Tochter in Krise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.

Zwei Eltern, ein Team!

Wenn der Jugendliche spürt, dass sich beide Elternteile um ihn oder um sie kümmern, wenn beide Eltern z.B. zu einem Gespräch in der Schule erscheinen, fühlt sich das Kind ernst genommen. Auch wenn eine klare Ansage an die Pflichten des Jugendlichen nötig ist, sollte diese, wenn immer möglich, von beiden Eltern gemeinsam ausgesprochen werden. Gemeinsam sind Sie stärker!

Auch wenn die Eltern getrennt leben, sollten beide Elternteile ihre erzieherische Verantwortung wahrnehmen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Sofern dies möglich ist.

Fachliche Unterstützung

Wenn die Krise anhält oder sich eine psychische Störung entwickelt, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Wir empfehlen Ihnen Kontakt mit Ihrem Haus- oder Kinderarzt aufzunehmen, in der Schule um ein Gespräch z.B. mit einer Schulpsychologin oder mit dem Schulsozialdienst zu bitten, eine Jugendberatungsstelle oder eine andere psychotherapeutische Beratungsstelle zu kontaktieren. Eine gute Ansprechstelle ist u.a. die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, die eine Sammlung von Krankenhäusern, Ambulatorien und Fachärzten bereitstellt. Das Institut für Familienförderung bietet u.a. kostenlose Psychotherapien für Kinder und deren Familien an. 

Spätestens wenn die Diskussionen in der Familie sich im Kreise zu drehen beginnen und Sie den Eindruck haben, dass Sie Ihren Sohn / Ihre Tochter im Gespräch nicht mehr erreichen, sollte eine neutrale außenstehende Fachperson beigezogen werden. Sie kann vielleicht leichter Kontakt zu Ihrem Teenager aufnehmen. Doch wie schaffen Sie es Ihr Kind zu überzeugen, sich von einer Fachperson beraten zu lassen?

Patronat
Quelle/n
Autor/-in
Corsin Bischoff
Monika Alessi