Persönlichkeit und Entwicklung

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Ich nehme mich wahr – ich nehme dich wahr

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Nur wenn ich meine Grenze kenne/ ich diese für mich und andere definiere, schütze ich mich vor Eindringlingen in meinen privaten und persönlichen Bereich.

Permanentes Stören – Provokation - Angepasstheit - Welches Bedürfnis könnte dahinterstehen:

Im Schulalltag kennen wir Grenzverletzung in den verschiedensten Kontexten. Da wären SchülerInnen die permanent die Gruppe stören, ebenso wie jene, die durch maßlose Übertreibungen und Provokation auffallen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ihre eigenen körperlichen oder psychischen Grenzen oder die Grenzen der anderen überschreiten. 

Dass auch ein überangepasstes Verhalten, Selbstbegrenzungen und ein geringes Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse dasselbe dahinerliegende Bedürfnis aufzeigen kann, mag auf dem ersten Blick erstaunlich erscheinen.

Fallbeispiel: Claudia, 17 Jahre, BHS

Claudia besucht die 4. Klasse einer Berufsbildenden Höheren Schule. Sie fällt im Klassenverband nicht auf. Eher wird sie übersehen. Wenn die MitschülerInnen Claudia beschreiben, sprechen Sie von ihrer großen Fähigkeit des Einfühlens, Helfens und Rücksichtnehmens. Claudia kommt eines Tages zur Beratungslehrerin der Schule, weil sie keine Perspektive finden kann, glaubt dass das, was sie in Zukunft gerne tun würde, bereits von anderen getan wird. Ihre Eltern bestätigen sie in ihrer negativen Einschätzung. Dadurch zieht sich Claudia noch mehr zurück, sie strengt sich noch mehr an, versucht sich sogar noch mehr zu motivieren. Und dennoch: sie hat keine Perspektive!

Claudia, die bei ihrer Beratungslehrerin einen sehr eloquenten Eindruck macht, hat von sich selbst die Wahrnehmung, dass sie nach Worten sucht und stammelt.

Im Gespräch mit der Beratungslehrerin wird Claudia bewusst, wie sehr sie in ihrer bisherigen Biographie Einfühlung geübt hat. Als Ältestes von 3 Kindern, lernte Claudia wahrzunehmen, was die Geschwister brauchen. Dies in besonderem Maß deshalb, weil eine Schwester gehörlos ist.

Sich auf ein Gegenüber einzufühlen, bedeutet immer auch durchlässig werden.. In der weiteren Begleitung von Claudia wird entscheidend sein, ihr Grenzen zu geben, sodass sie sich selbst definieren kann.Was bedeutet, Claudia auch in der Selbstwahrnehmung, Selbstempathie zu unterstützen. So ist die Entwicklung eines Selbst-bewusstseins möglich.

Beziehungsbedürfnis nach Begrenzung:

  • Wir brauchen es, dass unsere physischen und psychischen Grenzen eingehalten werden.
  • Wir brauchen, dass uns jemand vor unseren übermäßigen Ansprüchen an uns selbst schützt
  • Wir brauchen es, dass wir entsprechend gefordert, gefördert und begrenzt werden
  • Wir brauchen es, dass wir geführt werden, dass die Lehrperson situativ leitet.

Schritte, um dem Bedürfnis von Claudia gerecht zu werden:

  • Claudia kann sehr gut andere wahrnehmen. Dies gilt es zu achten und wertzuschätzen. Gleichzeitig ist es von Bedeutung, ihr Halt und Sicherheit zu geben. Mit dieser Unterstützung kann Claudia erste Schritte der Selbstwahrnehmung üben.
  • Erfolge - mögen sie noch so klein erscheinen - gilt es zu feiern, da die Jugendliche beginnt, sich wahrzunehmen und dies für sich zum Ausdruck zu bringen. Ein bewusstes Unterbrechen und Konfrontieren mit dem Muster kann für Claudia hilfreich sein: „ Ich mache mir Sorgen um dich, wenn du mit deinem Verhalten weitermachst. Jetzt ist es genug, du hast dir eine Pause für dich verdient.“
  • Für die Schülerin ist es hilfreich, wenn die Lehrerin nicht noch mehr das Einfühlungsvermögen einfordert, sondern: „Claudia, danke dass du dieses schwierige Gespräch mit der Parallelklasse übernehmen möchtest und ich denke, mit dir würde es sehr gut gelingen. Ich möchte dir jedoch nicht mehr zumuten, denn du investierst schon 100% in das Gelingen der Klassengemeinschaft. Ich möchte, dass dieses Gespräch jemand anderer aus der Klasse führt.“
  • Claudia kann für sich selbst sinnvolle Grenzen erarbeiten und damit eröffnen sich Gestaltungsräume. So kann sich Claudia von diesem „Selbstläufer: Einfühlung um jeden Preis ohne mich selbst wahrzunehmen“ entbinden.

Je klarer die Strukturen wie Rahmenbedingungen, wie Zeitvorgaben, Ablaufangaben, Gruppeneinteilung … sind, desto besser und hilfreicher kann Begrenzung erlebt werden.