Gruppe und Dynamik

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„Jeder Mensch ist einzigartig! - Gemeinsam sind wir stark!“

Quelle: Marco2811 / Fotolia

Behindert ist, wer behindert wird. In einem aufgeschlossenen, weltoffenen Setting, gibt es lauter einzigartige HauptdarstellerInnen, die zeigen, was es bedeutet eine Gemeinschaft zu sein, in der jeder und jede herzlich willkommen ist.

Auf dem Weg von der Integration zur Inklusion geht es um die Anerkennung einer allgemeinen Heterogenität im Sinne einer qualitativen Verbesserung. Die unvoreingenommene Anerkennung aller steht im Vordergrund und nicht die Eingliederung entsprechend abweichender Kinder bzw. Personen.

Nur durch eine schulische Umgebung, die hohe Erwartungen an ihre SchülerInnen stellt, die Sicherheit bietet und die akzeptiert, kann inklusive Schule gelebt werden. Sie kann gelingen, wo die soziale Verantwortung unter den SchülerInnen gefördert wird und sich das Schulsystem sowohl für die Kinder als auch für die Eltern verantwortlich fühlt.

Seit 1980 gibt es die Bewegung zur inklusiven Schule und sie kann als die wichtigste Schulreformbewegung des 20. Jahrhunderts gesehen werden. Eine reflexive, vielfältige, flexible und kooperative Auslegung von Schule bildet die Grundvoraussetzung für die pädagogische Praxis der Inklusion.

Unter dem Aspekt einer Pädagogik der Vielfalt gründet die Arbeit der nachfolgend beschriebenen Klasse.

Es handelt sich um eine inklusive Klassengemeinschaft, in der die Inklusion neben Altersheterogenität, Religionsbekenntnis, Geschlecht, kulturellem Hintergrund um die Facette „Förderung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen“ bereichert wird. Reformpädagogische Elemente werden bedürfnisorientiert und situationsadäquat eingesetzt.

Eine Zusammenschau von Lehrerin und Mutter möchte einen kleinen Einblick in das  pädagogische Konzept und die didaktische Realisierung geben und exemplarisch einzelne Elemente des praktischen Unterrichts  beschreiben, wie Frieda sie erleben darf. Frieda hat von Geburt an Trisomie 21 und ist einzigartig!

  • Leben und Lernen: tägliches gemeinsames Ankommen im Rahmen der MorgenfeierMit ihrer Katze Mira im Schoß sitzt Frieda im Sesselkreis. So beginnt der Tag in der Schule, mit einem gemeinsamen Kreis, bei dem sich die  SchülerInnen einzeln und persönlich begrüßen, als Zeichen der Wertschätzung. Diese Morgenfeier ist immer themenbezogen. An diesem Tag, an dem ich als Mama eingeladen bin  und dabei sein darf, geht es um Haustiere. „Meine Katze Mira ist faul und frech.“ So beginnt Frieda ihre Präsentation, die mich als Mutter in Erstaunen versetzt. Völlig unvorbereitet  erzählt sie ihren MitschülerInnen über den Alltag mit ihrem Katzenbaby. Sie kennt den Ablauf dieser Gesprächsrunde. Hände fahren in die Luft, viele Fragen über die Katze werden gestellt. Frieda moderiert, nennt die Namen der Kinder, welche Fragen stellen dürfen und versucht auf ihre Art und Weise alles zu beantworten. Den Höhepunkt für die Kinder bildet die Möglichkeit, die Katze zu streicheln. Ein Kind nach dem anderen setzt sich an die Seite von Frieda, kuschelt sich an die Katze  und dabei auch an Frieda. Unwahrscheinlicher Stolz und große Freude strahlen aus Friedas Gesicht, die in natürlichem Kontext ihr Leben in die Schule mitbringen darf....
  • Schulstufenübergreifende Themenarbeit„Mama, schau, mein Eichhörnchenbuch ist fertig! “ Und schon wieder liegt eines der selbst gebastelten und beschriebenen kleinen Büchern auf dem Tisch, die gemeinsam im Klassenverband hergestellt werden. Die älteren Kinder erklären, wie das Eichhörnchen lebt, Bilder werden ausgeschnitten, in Partnerarbeit Bänder zum Binden des Buches geknüpft, die Seiten sorgsam beschriftet und bemalt. Jeder Einzelne setzt die Kompetenz ein, die er hat. Das Unterstützen der „Kleineren“ ist im Rahmen der Altersheterogenität ein allgemeines Prinzip, beide Seiten dürfen dabei Besonderes lernen: Die Älteren vertiefen und spezialisieren ihr Wissen und wenden es an, die Jüngeren erhalten neue Informationen und setzen kindgerechte Anweisungen um.
  • „peer assistance“ im Schulalltag„Die Vicki hat gesagt, dass ich das so schreiben muss...“ Wie wertvoll konstruktives Feedback unter Kindern ist und das Verstehen von Inhalten fördert, ist deutlich spürbar. Die beiden Pädagoginnen lassen sich auf die vorgefundene Vielfältigkeit der Kinder  ein, indem mit Binnendifferenzierung unterrichtet wird. Den SchülerInnen werden wegen ihrer unterschiedlichen Vorkenntnisse, Fähigkeiten und Interessen differenzierte Aufgaben zugeteilt. Daraus resultiert, dass sich die SchülerInnen nicht ständig vergleichen, da sie mit den verschiedensten Aufgabenbereichen beschäftigt sind. Soziale Verantwortung kann dabei gelernt werden, indem schnellere  SchülerInnen  als HelferInnen für andere eingesetzt werden. Zu Gunsten des Mottos der Klasse: „Jede/r vergleicht sich mit sich selbst! Jede/r hat verschiedene Stärken!“ hatten die Begrifflichkeiten oder Stigmatisierungen „Behinderung“ bzw. „behindert sein“ niemals Platz.
  • Wochenplanarbeit , individuelle LernphasenFür die LehrerInnen der Klasse gilt der Grundsatz, im Rahmen der Inklusion jedem Kind zu gewährleisten, so viel wie möglich lernen zu dürfen und die Stärken zur Entfaltung zu bringen. Die Schüler und Schülerinnen unterscheiden sich vor allem durch den Zeitraum, den sie brauchen um etwas zu lernen. Schon in den ersten Schulwochen wurde Helena mit der Herausforderung konfrontiert, das Schreiben in Form der Schreibschrift zu erlernen. Es stellte eine Selbstverständlichkeit dar, dass sie die gleichen Chancen wie jedes andere Schulkind der Klasse erhielt ihre Fähigkeiten zu erproben und mit dem Lernen ohne Einstufung zu beginnen.

Grundlegend für gelingende individuelle Förderung ist eine Haltung, die Respekt und Vertrauen dem Einzelnen gegenüber beinhaltet sowie der Glaube an seine Stärken und positiven Leistungserwartungen. Die ersten Eindrücke in der Schule bleiben für jedes Schulkind eine sehr wichtige und prägende Phase, die den weiteren Lernerfolg maßgeblich beeinflussen kann. So konnte unsere Tochter bis zum Ende der 1. Schulstufe Wörter tadellos in Schreibschrift zu Papier bringen, was ihre eigene Motivation zum Schreiben förderte. Mittlerweile schreibt Frieda die Schreibschrift schöner als die beiden Pädagoginnen. Klingt vielleicht unglaublich...ist aber wahr. In verschiedensten Lernbereichen verblüfft Frieda uns immer wieder aufs Neue und das stets mit einem stolzen Lächeln.

  • Schulstufenübergreifende Partner- bzw. Gruppenarbeit inkl. Präsentation u. ReflexionUnsere Kinder sind aktive Wesen, die  von eigenen Vorstellungen und Phantasien geleitet werden. Sie sind fähig,  Pläne, Lösungen sowie Ziele zu entwickeln, wenn ihnen im Unterricht der Raum dafür gegeben wird.  Durch projektorientierte Phasen im Unterricht wird Frieda die Möglichkeit geboten, andere Kinder zu beobachten, von ihnen abzuschauen und zu versuchen, sie in bestimmten Bereichen nachzuahmen.  So gab es im Festsaal eine hervorragende Präsentation des „Europaprojekts“. In diesem Rahmen stand jedes Kind auf der Bühne und erhielt die Gelegenheit, die Arbeitsergebnisse im Bereich Sport, Märchen, Essen und Tiere (Hunde) einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.
  • Systemischer Ansatz - Beachtung der emotionalen, sozialen und unterrichtlichen EbenenUm eine vorbereitete Lernumgebung so zu schaffen, die jedes Kind einerseits fordert und andererseits unterstützt bedarf es einer Fokussierung auf Situationsadäquatheit und Bedürfnisorientierung für alle Beteiligten. Seitens des LehrerInnenteams bedeutet das eine regelmäßige Reflexion bzw. Vor- und Nachbereitung. Bedeutend ist dabei die Haltung aber auch der Wille der Umsetzung, jedes Kind gemäß seiner Gesamtpersönlichkeit wahrzunehmen, zu schätzen und auf Augenhöhe innerhalb eines facettenreichen Entwicklungs- und Lernprozesses zu begleiten und stärken. Auf Grund der hohen Motivation von Frieda und ihrer Freude in die Schule zu gehen ermutigt auch sie umgekehrt das LehrerInnenteam. Auf die Bitte hin auf die Lehrerin zu warten erwiderte Frieda einmal ganz nüchtern und mit einem breiten Lächeln: „Klar doch. Du kannst dich auf mich verlassen!“
  • Ressourcen für ganze Systeme (Klasse, Schule)SonderpädagogInnen sind als Unterstützung für heterogene Klassen und KollegInnen im Einsatz, wobei es zu einer Synthese von Schul- und Sonderpädagogik, im besten Fall zu einer „Allgemeinen Pädagogik“ im inklusiven Sinne kommt.  Dabei arbeiten Volksschulpädagogin und Sonderpädagogin gleichberechtigt im Team. Die Kompetenzen (Planung, Organisation, etc.) werden aufgeteilt und regelmäßig durchgewechselt. Der Gesamtunterricht wird doppeltbesetzt abgedeckt und die Elternarbeit wird gemeinsam im Team wahrgenommen. Ein Papa fragte in diesem Zusammenhang eine Schülerin zu Hause: „Wer macht denn jetzt was von den beiden LehrerInnen?“ Verblüfft vernahm er von seiner Tochter folgende Antwort: „Na, beide machen beides... und wir machen alles gemeinsam!“

Auch Religion und Gesamtunterricht vernetzen sich. Darüber hinaus gibt es auch ökumenische Projekte.

Ein individualisiertes Curriculum für alle ist grundlegend, wobei der lehrplanorientierte Rahmen gewahrt  wird. Zusätzliche Förderung bzw. Forderung werden je nach Situation und Bedürfnissen adäquat gewährleistet. Eine stete gemeinsame Reflexion und Planung aller Beteiligten, sowie kollegiales Problemlösen im Team sind unverzichtbar, ebenso wie regelmäßige Teambesprechungen.

Nach wie vor ist es keinesfalls selbstverständlich, dass diese Prinzipien, eines inklusiven Unterrichts in den Klassen Einzug halten. Es ist schön, dass das Konzept der Inklusion auf allen Ebenen gelebt wird, dass eine so wertschätzende und positive Einstellung zur Gemeinsamkeit von Kindern gezeigt wird. An die Stelle von  „normal“ versus „behindert“ tritt in der inklusiven Schule die Anerkennung der Vielfalt der Kinder. Vielfalt wird als echte Chance, aber auch gleichermaßen als Herausforderung wahrgenommen. Diese Herausforderung anzunehmen und sie konstruktiv zu nutzen kann aber nur durch eine optimale Kooperation zwischen Eltern, Kindern und LehrerInnen klappen.

Enden möchten wir hier mit einem kleinen Zitat von Frieda, die in einem Gespräch, in dem der Begriff „behindert“ fiel, meinte: „Ich weiß etwas Schöneres, wie man das sagen könnte: Jeder Mensch ist einzigartig.“ Genau das wird ihr von ihren SchulfreundInnen, deren Eltern und den LehrerInnen im Rahmen der inklusiven Schule vermittelt. „Wir dürfen täglich miteinander leben, lernen und vor allem vieeeeeel lachen!“

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Autor/-in
Kerstin Zechner