Herkunft und Vorurteile

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Was begünstigt Gewalt?

Schlechtere berufliche Perspektiven, Gewalterfahrungen in der Vergangenheit und traditionelle Geschlechterbilder können das Gewaltrisiko steigern.

Im Jahr 2015 wurden 0,7% der ausländischen Bevölkerung verurteilt, 99,3% nicht! Bei den ÖsterreicherInnen waren es 0,3%. Man könnte sagen, dass AusländerInnen kaum mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Trotzdem ist der Prozentsatz leicht höher als bei ÖsterreicherInnen. Aber „Die Kultur“ oder die „Herkunft“ als Grund dafür zu nennen, würde der Wirklichkeit nicht entsprechen.

Dinge sind immer komplexer, als man glaubt. Meist gibt es mehrere Ursachen! Tatsächlich braucht es immer verschiedene Gründe zur Erklärung eines Gewaltvorfalls. Es gibt AusländerInnen, die:

  • diskriminiert und ausgegrenzt werden (mehr), Wer diskriminiert wird neigt eher dazu, mit Gewalt zu reagieren, als jemand der von der Gesellschaft akzeptiert wird. Fehlende Perspektiven können Gewalt ebenfalls begünstigen. Personen, die im Ausland geboren sind, sind viermal öfter von Armut/Ausgrenzung bedroht, als Menschen, die in Österreich geboren sind. Doch selbst bei jenen, die ausgegrenzt werden und einen niedrigen Bildungsgrad aufweisen, lebt immer noch die große Mehrheit ganz friedlich mitten unter uns.
  • schlechtere berufliche Perspektiven haben (mehr), Die Lehrstellensuche ist für viele Jugendliche eine enttäuschende Erfahrung: In Österreich haben 1.504 der jungen Stellensuchenden im Jahr 2017 keine Lehrstelle gefunden.

    Es gibt mehrere Gründe, warum Jugendliche mit Migrationshintergrund es schwerer haben, eine Lehrstelle zu finden: Die Konkurrenz ist groß; sie müssen bei den deutschen Sprachkenntnissen unter Umständen einen Rückstand aufholen; ihre Eltern können sie nicht so gut unterstützen, da sie die Ausbildungs- und Arbeitswelt in Österreich nicht so gut kennen und auch keine beruflich relevanten Beziehungen haben.

    Nach wie vor gibt es aber auch Diskriminierung bei der Lehrstellensuche: Vorurteile können dazu führen, dass Bewerbungen von Jugendlichen mit einem bestimmten Migrationshintergrund ohne genaue Überprüfung abgelehnt werden.

    Diese Schwierigkeiten können dazu führen, dass der Einstieg in den Berufsalltag nicht gelingt und viel Frust zurückbleibt, zusammen mit dem Gefühl, nicht zu diesem Land zu gehören. Diese Erfahrung löst bei vielen Jugendlichen Enttäuschung, bei anderen aber auch Wut und Aggressionen aus. Diese Gefühle können Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund erleben.
  • aus Familien kommen, die in der Vergangenheit Opfer schwerer Gewalt wurden (mehr), Unter den AusländerInnen gibt es einen höheren Anteil von Jugendlichen, die massive Gewalt wie Krieg, Flucht oder Verfolgung in ihrem Heimatland erlebt haben. Wenn sie und ihre Familie keine Unterstützung bei der Aufarbeitung dieser schrecklichen Erfahrungen erhalten oder wenn sie Hilfe ablehnen, besteht bei einigen Menschen ein höheres Risiko, dass sie in Konfliktsituationen mit Gewalt reagieren. Das ist aber keine Eigenschaft von AusländerInnen, sondern betrifft alle Menschen: Wer Opfer von Gewalt geworden ist, kann unter Umständen zum/zur TäterIn werden. Die Gründe dafür findet man in der psychologischen Literatur.
  • ein besonderes Verständnis haben, wie sich ein Mann oder eine Frau zu verhalten hat (mehr), Wie sich Männer zu verhalten haben, ist in jeder Kultur ein bisschen anders festgelegt. Die traditionell Männern zugeschriebenen Eigenschaften fördern teilweise gewalttätiges Verhalten. Eine Auswahl: Mann soll stark sein und sich gegen alle und alles behaupten. Mann soll ehrenhaft für sich einstehen und nicht den „Schwanz" einziehen. Superhelden und Kriegerfiguren sind typische Vorbilder für traditionelle Männer. Schmerzen, Schwäche und Gefühle sollen nicht gezeigt werden - man muss sie also verdrängen. 

    Konservativ, traditionelle Frauenbilder fördern ebenfalls Gewalt. Eine geringe Schulbildung und die Betreuung von Kindern und Haushalt, tragen dazu bei, dass Frauen oft kein eigenes Geld verdienen. Diese Abhängigkeitsverhältnis kann Gewalt durch Männer fördern

    In jedem Land herrschen verschiedene Kulturen, auch in Österreich. Sowohl im Ausland als auch bei uns gibt es Männer, die denken, dass sie mit Gewalt ihre Männlichkeit ausleben können: z.B. wenn sie ihre Frauen unterdrücken, schlagen oder beleidigen, oder wenn sie Menschen angreifen, die nicht in ihr Schema passen (z.B. Homosexuelle, Behinderte oder AusländerInnen). 

    Interessanterweise wird Kultur als Argument gegen AusländerInnen genutzt, obwohl sich die gleichen Argumente auch gegen gewisse ÖsterreicherInnen anwenden lassen. Letztendlich ist aber niemand Sklave seiner Kultur. Jeder Mensch kann selber entscheiden, welche Werte er ausleben will und in welcher Form. Und jede Kultur ist in Bewegung, hin zu mehr Gleichberechtigung. 
  • auffällige Freizeitgewohnheiten haben (mehr), Sie gehen häufiger aus (was sowohl das Risiko für Gewaltausübung als auch für Opfererfahrungen erhöht) und konsumieren mehr Medien, die gewalttätige oder pornografische Inhalte zeigen.
  • öfter kontrolliert und genauer beobachtet werden als die Einheimischen (mehr).  Wer kennt nicht die Situation aus der Schule: Da gibt es auch diejenigen, die den Ruf haben, dass sie Blödsinn machen. Diese SchülerInnen werden immer zuerst verdächtigt, auch wenn sie es gar nicht waren. Sie haben doppelt Mühe zu beweisen, dass sie unschuldig sind.

    AusländerInnen aus bestimmten Kulturen erleben das gleiche Problem: Weil sie anders aussehen und ihre „Kultur" einen schlechten Ruf hat, werden sie genauer beobachtet und häufiger kontrolliert. Somit ist durchaus möglich, dass sie eher erwischt werden, als Einheimische. 

    Wenn AusländerInnen falsch gehandelt haben, wird er oder sie härter bestraft; zudem wird seltener ein Auge zugedrückt. Das sind weitere Gründe, die erklären können, warum AusländerInnen in der Polizeistatistik übervertreten sind.

    Auch in Medienberichten werden Gewalttaten von AusländerInnen stärker wahrgenommen.

Häufen sich diese Probleme, nimmt das Risiko für Gewalttaten zu. Aber: Auch wenn auf eine Person alle diese Punkte zutreffen, ist damit noch längst nicht klar, dass sie gewalttätig wird.

Wenn man versteht, was das Risiko von Gewalt fördert, kann man eher etwas dagegen unternehmen. Aus diesem Grund beschäftigen sich Fachleute mit dem Thema: Nicht um Gewalt zu entschuldigen, sondern um sie vorzubeugen. Und um Gewalt zu vermeiden, kann jede und jeder von uns etwas tun: z.B. die eigenen Vorurteile abbauen.